Die globale digitale Infrastruktur basiert auf Rechenzentren. Diese gigantischen Anlagen verarbeiten jede E-Mail, jedes Video und jeden Klick im Netz. Doch dieser Komfort hat einen versteckten Preis: Rechenzentren verbrauchen inzwischen mehr als 1,1 % der weltweiten Energie. Gleichzeitig verkünden große Tech-Konzerne ambitionierte ESG-Ziele und Klimaneutralität. Aber sind diese Versprechen real – oder nur ein attraktives Marketing für eine unbequeme Realität?
Die Antwort ist komplex. Die Branche verbessert zwar ihre Energieeffizienz, was der zunehmenden Digitalisierung und dem öffentlichen Druck geschuldet ist. Der gesamte Energieverbrauch stieg von 178,5 TWh im Jahr 2019 auf 310,6 TWh im Jahr 2024. Gleichzeitig sank die Emissionsintensität von 366,9 Mio. t CO₂/GWh (2019) auf 312,7 Mio. t (2024). Rechenzentren stoßen also pro Energieeinheit weniger CO₂ aus. Doch diese Zahlen täuschen: Die Branche kämpft mit massiven Herausforderungen in Transparenz und Verantwortlichkeit. Die Analyse der tatsächlichen Emissionen offenbart eine deutliche Diskrepanz zwischen dem, was Unternehmen melden, und dem, was sie wirklich verursachen.
Die Wahrheit hinter den Zahlen – das Ausmaß des Greenwashings
Eine Analyse des „Guardian“ brachte Erschreckendes ans Licht: Google, Microsoft, Meta und Apple könnten bis zu siebenmal mehr Treibhausgase ausstoßen, als sie offiziell angeben. Das Ausmaß dieses Greenwashings liegt bei bis zu 662 %. Zwischen 2020 und 2022 waren die tatsächlichen Emissionen ihrer Rechenzentren erheblich höher als die veröffentlichten Zahlen.
Beispiele:
- Meta meldete 273 Mio. t CO₂ im Jahr 2022.
Die realen Emissionen gemäß lokalem Energiemix: 3,8 Mio. Mio. t CO₂. - Microsoft: gemeldet 280 Tsd. t CO₂, tatsächlich: 6,1 Mio. Mio. t CO₂.
Grund für diese Differenz ist die Wahl der Berechnungsmethode.
Unternehmen nutzen marktbasierte Emissionsmodelle. Diese erlauben es, sogenannte Renewable Energy Certificates (REC) anzurechnen – Zertifikate, die bestätigen sollen, dass „irgendwo“ erneuerbare Energie erzeugt wurde. Die tatsächliche Stromquelle des Rechenzentrums muss jedoch nicht erneuerbar sein. Die lokationsbasierte Methode zeigt hingegen die reale CO₂-Belastung des lokalen Netzes. Und diese offenbart das gesamte Ausmaß des Greenwashings.
Das Trugbild der erneuerbaren Zertifikate; warum REC kein echtes Problem lösen
Renewable Energy Certificates (REC) klingen nach sauberer Energie – haben aber oft nahezu keinen realen Einfluss. Die meisten Zertifikate auf dem Markt sind sogenannte unbundled REC, also von der tatsächlichen Energieerzeugung getrennte Nachweise.
Das Uptime Institute nennt dieses System „einen einfachen und billigen Weg zum Energiegreewashing“.
REC lösen das Problem nicht:
- Ein Rechenzentrum, das Kohlestrom aus dem Netz bezieht, setzt weiterhin CO₂ frei – auch wenn es REC kauft.
- Der Kauf eines REC gleicht eher dem Kauf eines Flugtickets für jemand anderen, um die eigenen Flugemissionen zu „kompensieren“.
Hinzu kommt: REC werden oft extrem günstig verkauft, was den fehlenden realen Einfluss noch deutlicher zeigt.
Viele Unternehmen verlassen sich dennoch stark darauf. Equinix beispielsweise weist in seinem ESG-Bericht aus, dass 45 % der angeblich „grünen“ Energie aus REC stammt – nicht aus echten, physischen Lieferverträgen.
Was wirklich etwas verändert
Einige Unternehmen ziehen Konsequenzen:
- Google hat REC vollständig abgeschafft und will bis 2030 echten „24/7 Clean Energy“-Betrieb erreichen.
- Microsoft plant ebenfalls, REC bis 2030 durch physische 24/7-PPA zu ersetzen.
24/7-Power-Purchase-Agreements (PPA) verknüpfen den tatsächlichen Verbrauch mit der tatsächlichen Erzeugung – stundenweise.
Doch ein Problem bleibt:
Eine 20-MW-Solaranlage kann ein 20-MW-Rechenzentrum nicht rund um die Uhr versorgen. Es braucht Speicher, lokale Infrastruktur und gezielte Standortwahl. Microsoft testet erste Ansätze dieser Art in den Niederlanden.
Wasser – der unsichtbare Faktor im ESG-Profil von Rechenzentren
Die Diskussion dreht sich oft um Energie; doch Wasser ist ebenso kritisch.
Ein durchschnittliches Rechenzentrum mittlerer Größe verbraucht 1,14 Mio. Liter Wasser pro Tag; so viel wie 1.000 Haushalte.
Der WUE-Index (Water Usage Effectiveness) lag 2023 bei 0,30 l/kWh und hat sich seit 2021 um 39 % verbessert. Microsoft senkte den Wasserverbrauch seiner Anlagen sogar um 80 %.
Doch Innovation verändert das Spielfeld:
Microsoft eröffnete 2024 ein Rechenzentrum, das 0 Liter Wasser zum Kühlen benötigt, dank fortschrittlichem Chip-Level-Cooling. So spart eine einzige Anlage 125 Mio. Liter pro Jahr.
Regulierung als Gamechanger: Die EU zwingt zur Transparenz
Seit September 2024 müssen Rechenzentren mit einer Leistung über 500 kW ihre ESG-Daten verpflichtend in einer zentralen EU-Datenbank melden:
- Energieverbrauch
- Wasserverbrauch
- Anteil erneuerbarer Energien
- Wärmerückgewinnung
- Emissionen
Der erste Bericht war ursprünglich für Mai geplant, wurde aber aufgrund fehlender technischer Vorbereitung auf September verschoben.
Trotz Startschwierigkeiten ist die Regulierung ein Wendepunkt:
Rechenzentren können nicht länger behaupten, „grün“ zu sein sie müssen es beweisen.
Weitere Länder beobachten dieses Modell:
Japan arbeitet an einem Offenlegungsstandard, die USA über ESG-Pflichten für große Unternehmen.
Transparenz wird zur neuen Norm.
Welche ESG-Metriken wirklich zählen
Die bekannteste Kennzahl ist PUE (Power Usage Effectiveness):
- Bestwerte: < 1,1
- Weltweiter Durchschnitt: 1,56
Doch PUE hat Grenzen:
Ein Rechenzentrum kann intern effizient sein und dennoch Kohlestrom nutzen. Die realen Emissionen bleiben hoch.
Darum gewinnen andere Metriken an Bedeutung:
- WUE – Wasserverbrauch
- Lokationsbasierte Emissionsfaktoren
- Stundenbasierte CO₂-Intensität des Netzes
Erst diese Kombination ergibt ein realistisches ESG-Bild.
Die neue Realität: KI als Emissionstreiber
Generative KI ist ein Energiefresser:
- Eine Anfrage an ein KI-Modell verbraucht bis zu 10× mehr Energie als eine Google-Suche.
- Morgan Stanley prognostiziert, dass Rechenzentren durch KI bis 2030 zusätzliche 2,5 Mrd. t CO₂e verursachen könnten – mehr als manche gesamte Länder.
Weil KI kontinuierlich verfügbar sein muss, reichen erneuerbare Energien allein nicht aus.
Daher wenden sich Unternehmen neuen Energiequellen zu:
- Kernenergie: Microsoft hat bereits Lieferverträge abgeschlossen.
- Biomasse
- Baseload-Technologien mit niedrigen Emissionen
Das zeigt: Der Bedarf ist größer als das, was REC oder einfache Solaranlagen leisten können.
Fakten statt Versprechen
ESG im Bereich der Rechenzentren ist kein Marketingthema, sondern ein komplexes, reales Problem.
Die Realität:
- Die Branche senkt Emissionen pro Energieeinheit aber der Gesamtverbrauch steigt rasant.
- Unternehmen investieren in erneuerbare Energien aber oft nur auf dem Papier über REC.
- Greenwashing ist systemisch aber echte Lösungen entstehen bereits.
Die Zukunft gehört:
- echten 24/7-PPA,
- innovativen wasserfreien Kühlsystemen,
- verpflichtender ESG-Transparenz,
- lokalem Emissionsreporting.
Fazit: Greenwashing oder Fortschritt? Beides zugleich
Der Sektor verändert sich sichtbar aber langsamer, als die öffentliche Kommunikation vermuten lässt.
Was Stakeholder tun sollten:
- Nicht auf wohlklingende Zertifikate vertrauen.
- Lokal basierte Emissionsdaten einfordern.
- Verifizierbare Metriken prüfen.
- Transparenz und klare Nachweise verlangen.
Der Druck auf Unternehmen wächst, Regulierung nimmt zu, und der Wettbewerb um saubere Energie wird Innovationen erzwingen.
ESG in Rechenzentren ist die Zukunft aber sie wird auf Fakten gebaut sein, nicht auf Greenwashing.