Deutschlands Übertragungsnetzbetreiber haben das Windhundprinzip durch eine Reifegradbewertung ersetzt. Polen hat das Warten in der Schlange teuer gemacht. Für Rechenzentrumsgrundstücke zählt nicht mehr, wer zuerst beantragt hat, sondern wer belegen kann, dass sein Projekt real ist.
Das Ende der Warteschlange, wie wir sie kannten
Zwei Jahrzehnte lang wurde Netzkapazität in Deutschland in der Reihenfolge des Antragseingangs vergeben. Auf der Übertragungsnetzebene ist dieses Prinzip Geschichte. Seit dem 1. April 2026 bewerten die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW Anschlussanträge von Großbatteriespeichern, Rechenzentren, Elektrolyseuren und anderen Großverbrauchern in festen Zyklen nach einem gemeinsamen Reifegradverfahren.
Der Grund ist reine Arithmetik. Zum Ende des dritten Quartals 2025 lagen den Netzbetreibern 717 Netzanschlussanträge mit einer Gesamtleistung von rund 270 GW vor. Allein auf Großbatteriespeicher entfielen 545 Anträge mit 211 GW, bei einem erwarteten Bedarf von 41 bis 94 GW im Jahr 2037 laut Szenariorahmen für den Netzentwicklungsplan.
Rechenzentren konkurrieren in genau diesem Stapel. Ein Hyperscale-Campus und ein spekulatives Speicherprojekt am selben Umspannwerk unterschied bisher nur der Eingangsstempel. Jetzt unterscheidet sie eine Punktzahl.
So funktioniert die Reifegradbewertung
Nach der Zusammenfassung der Verfahrensdokumentation durch die Kanzlei CMS dauert ein Zyklus rund zehn Monate: drei Monate Informations- und Antragsphase, fünf Monate Clusterstudie und eine Angebotsphase von etwa zwei Monaten. Das erste Antragsfenster schloss am 30. Juni 2026. Die ersten Kapazitätsangebote sind damit um den Jahreswechsel 2026/27 zu erwarten.
Projekte können bis zu 11 Punkte in vier Kategorien erreichen: Flächensicherung und Genehmigungsstand (bis zu 3 Punkte), technisches Anlagen- und Anschlusskonzept (bis zu 3), wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Antragstellers (bis zu 3) sowie Netz- und Systemnutzen (bis zu 2). Ist ein Netzknoten überzeichnet, kommen die Projekte mit der höchsten Realisierungswahrscheinlichkeit zuerst zum Zug. Die Branche spricht bereits von First Ready, First Served.
Die Eintrittskarte ist überschaubar: eine Antragspauschale von 50.000 Euro und eine Realisierungskaution von 1.500 Euro je MW. Für einen Campus mit 100 MW sind das zusammen 200.000 Euro, gemessen an Grundstückspreisen im Rhein-Main-Gebiet ein Rundungsfehler. Der Filter ist nicht das Geld, sondern der Nachweis: gesicherte Fläche, fortgeschrittene Genehmigungen, ein belastbares technisches Konzept und eine Bilanz hinter dem Antragsteller.
Polen setzt auf den Preishebel
Polen stand vor demselben Problem und hat ein anderes Werkzeug gewählt. Die Novelle des Energiegesetzes vom 13. März 2026, in Kraft seit dem 30. April 2026, macht einen Platz in der Warteschlange teuer. Nach der Zusammenfassung der neuen Regeln durch die BOŚ Bank zahlen Antragsteller nun eine nicht erstattungsfähige Antragsgebühr von 1 PLN je kW, maximal 100.000 PLN, und eine Vorauszahlung auf die Anschlussgebühr von 60 PLN je kW, deren Obergrenze auf 6 Mio. PLN verdoppelt wurde. Hinzu kommt eine neue Erfüllungssicherheit von 30 PLN je kW bis 100 MW und 60 PLN je kW darüber, maximal 12 Mio. PLN.
Auch die Zeit wird rationiert. Anschlussbedingungen gelten nur noch ein Jahr statt zwei, und Anschlussverträge enthalten Investitionsmeilensteine. Wer sie verfehlt, riskiert die Kündigung des Vertrags. Für ein 100-MW-Projekt bedeutet das rund 9 Mio. PLN, etwa 2 Mio. Euro, die vor Baubeginn gebunden sind.
Den Hintergrund bildet die Warteschlange, die wir in unserer Analyse zu Polens Netz-Warteschlange beschrieben haben: Der Übertragungsnetzbetreiber PSE beziffert die Anträge von Rechenzentren auf 150 bis 200 GW, während Anschlussbedingungen erst für rund 6 GW erteilt wurden. Die in Polen betriebene Kapazität lag 2025 bei etwa 250 MW.
Zwei Filter, eine Richtung
Deutschland filtert über Qualität, Polen über Kosten und Fristen. Die Wirkung auf Grundstücke ist dieselbe: Ein Anschlussantrag ist für sich genommen kein Vermögenswert mehr. In Deutschland kann ein späteres, aber besser vorbereitetes Projekt ein früheres überholen. In Polen verliert seine Position, wer Vorauszahlung und Sicherheit nicht finanzieren kann oder einen Meilenstein verfehlt.
Beide Systeme nehmen dem bloßen Warten den Optionswert. Genau darauf beruhte ein großer Teil der Grundstückspreise der vergangenen Jahre, wie wir in Deutschland handelt Grundstücke, keine Rechenzentren gezeigt haben. Die German Datacenter Association bringt es in ihrem am 1. Oktober veröffentlichten Datacenter Outlook Germany 2026/27 unter dem Leitmotiv All Infrastructure Is Local auf den Punkt: Strom- und Netzkapazität, Konnektivität, Flächen und Genehmigungen entscheiden vor Ort, ob angekündigte Kapazität jemals gebaut wird.
Reibungslos ist das neue Regime nicht. CMS weist darauf hin, dass mehrere Kriterien Auslegungsspielraum lassen, dass die Übertragung einer Netzreservierung nicht abschließend geregelt ist und dass wesentliche Projektänderungen eine Neubewertung auslösen können. Für Transaktionen ist das relevant: Reservierte Kapazität, die sich nicht sauber mit dem Grundstück oder der Projektgesellschaft übertragen lässt, ist beim Exit weniger wert.
Was das für Investoren bedeutet
- Reife kaufen, nicht Position. Das Antragsdatum hat seinen Wert verloren. Entscheidend ist der dokumentierte Stand von Flächensicherung, Genehmigungen, technischem Konzept und Finanzierung, gemessen an den Bewertungskriterien des jeweiligen Netzbetreibers.
- Die Kapitalbindung einpreisen. In Polen sind Gebühren, Vorauszahlung und Sicherheit nun echtes Risikokapital, mit einer Jahresfrist für die Anschlussbedingungen. Sie gehören in das Ankaufsmodell, nicht in die Fußnoten.
- Übertragbarkeit vor der Unterschrift prüfen. Ob eine Reservierung oder ein Anschlussvertrag einen Share Deal, einen Asset Deal oder eine Projektänderung übersteht, sollte Vollzugsbedingung sein und keine Annahme.
- Mit dem Zykluskalender arbeiten. Entscheidungen fallen in Deutschland nun in Zyklen. Ein verpasstes Antragsfenster kann den größten Teil eines Jahres kosten, mehr Verzug, als die meisten Businesspläne verkraften.
- Systemnutzen bringt Punkte. Speicher am Standort, flexible Fahrweise und flexible Netzanschlussvereinbarungen, die die nationale Rechenzentrumsstrategie vom 18. März 2026 ausdrücklich unterstützt, verbessern die Bewertung und können den Weg zum Strom verkürzen.
Genau an dieser Schnittstelle von Immobilie, Technik und Energie arbeitet Prime East mit dem spezialisierten Bereich PE Property Solutions: Standort- und Netzanschlussprüfung, technische Due Diligence, Strukturierung von Betreiber- und Mietmodellen sowie Transaktionsbegleitung in Deutschland und Polen.
Fazit
Deutschland und Polen sind auf unterschiedlichen Wegen zum selben Ergebnis gekommen: Netzkapazität geht an Projekte, die nachweislich bereit sind, und nicht an jene, die sich am frühesten angestellt haben. Für Investoren ist das eine gute Nachricht mit einer Bedingung. Spekulative Anträge werden aussortiert und echte Projekte kommen schneller ans Netz, aber nur für Eigentümer, die Reife belegen können. In den kommenden Monaten, wenn der erste deutsche Zyklus seine Angebote hervorbringt und die polnischen Jahresfristen greifen, wird der Markt sehen, welche Standorte Projekte waren und welche nur Positionen.
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Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Angaben beruhen auf öffentlich zugänglichen Quellen.
Quellen
- TenneT: Übertragungsnetzbetreiber führen Reifegradverfahren für Netzanschlussanträge von Speichern und Großverbrauchern ein
- TransnetBW: Reifegradverfahren
- CMS: Neues Reifegradverfahren über Netzanschlüsse am Übertragungsnetz
- Energie und Recht: Netzanschluss von Rechenzentren, das Reifegradverfahren
- AP-Verlag / CBRE: Strom wird zur Standortwährung, Deutschlands Rechenzentren vor der Reifeprüfung
- German Datacenter Association: Datacenter Outlook Germany 2026/27
- Netzpalaver: Datacenter Outlook Germany 2026/27, Rechenzentrumsinfrastruktur wird zur Standortfrage
- BOŚ Bank: Was die Novelle des polnischen Energiegesetzes 2026 bei Netzanschlüssen ändert
- WysokieNapiecie.pl: Halten die polnischen und europäischen Netze dem Druck der Rechenzentren stand?
- Prime East: Polens Netz-Warteschlange, 150 Gigawatt auf dem Papier und kein einziger Anschlussvertrag