Rund 70 Prozent der erfassten Rechenzentrumsleistung in Deutschland laufen in Hessen. Von den 6,4 GW, die derzeit geplant oder im Bau sind, entfällt aber nur gut ein Viertel auf Hessen, während Brandenburg allein 40 Prozent stellt und Mecklenburg-Vorpommern mit einem 240-MW-Campus bei Rostock neu auf die Karte kommt. Die Pipeline folgt dem Netz, nicht dem Internetknoten.
70 Prozent heute, 26 Prozent morgen
Eine am 24. September veröffentlichte Auswertung von IFA Berlin auf Basis der im August 2026 erhobenen Daten von Data Center Map zeigt so klar wie bisher keine andere, wo die deutsche Rechenzentrumskapazität heute steht und wohin sie geht. Von 573 Standorten in der Datenbank ist für 218 die Anschlussleistung erfasst: 151 in Betrieb, 67 geplant oder im Bau.
Der Bestand summiert sich auf 1.763,9 MW. Hessen stellt davon 1.229,8 MW oder rund 70 Prozent, verteilt auf 63 Standorte; mit weitem Abstand folgen Brandenburg mit 123,5 MW und Nordrhein-Westfalen mit 107,7 MW.
Die Pipeline sieht anders aus. Die 67 geplanten oder im Bau befindlichen Projekte addieren sich auf 6.433,7 MW, das 3,6-Fache des Bestands. Brandenburg führt mit 2.598 MW, rund 40 Prozent der Summe, vor Hessen mit 1.688,9 MW (26 Prozent) und Baden-Württemberg mit 708 MW. Hessen hat mit 24 gegenüber 22 zwar weiterhin mehr Projekte, das durchschnittliche Brandenburger Projekt liegt aber bei rund 118 MW, das hessische bei etwa 70 MW.
Der Herausgeber benennt die Grenzen der Daten offen: Für die meisten Standorte fehlen MW-Angaben, angekündigte Projekte verschieben sich, und ein einzelner Campus kann die Summe eines Bundeslandes bewegen. Die Richtung deckt sich jedoch mit dem Datacenter Outlook 2026/27 der German Datacenter Association: Netzkapazität und Time-to-Market, nicht allein das Marktpotenzial, entscheiden inzwischen darüber, wo gebaut wird. Sie ist auch die logische Folge eines Marktes, der, wie wir im September beschrieben haben, Grundstücke statt Rechenzentren handelt: Gehandelt wird das Grundstück mit Netzperspektive.
Brandenburg: 15 Projekte, drei davon ruhend, ein Netz
Entwicklungsstadt zählte im September 15 Rechenzentrumsprojekte in Brandenburg: sieben in Planung, fünf im Bau, drei pausiert. Die Liste liest sich wie das Who’s who der Hyperscale-Branche: AWS in Baruth und Massen, Vantage in Mittenwalde, Yondr in Ragow, NTT in Brieselang, VIRTUS in Wustermark, maincubes in Nauen und Schwarz Digits in Lübbenau, die beiden letzten mit Inbetriebnahme 2027. Unter Berufung auf Bitkom erwartet der Beitrag, dass die angeschlossene Leistung in Brandenburg von unter 50 MW auf fast 900 MW steigt. Anker bleibt Lübbenau, wo die Schwarz-Gruppe auf einem ehemaligen Kraftwerksgelände mit zunächst rund 200 MW Anschlussleistung und einem genannten Investitionsvolumen von rund 11 Milliarden Euro baut.
Der Engpass ist derselbe wie überall. Laut dem Beitrag stieß das regionale Netz 2025 wegen der Zahl der Anschlussanfragen an seine Grenzen. Die von ingenieur.de zitierten Zahlen des Verteilnetzbetreibers Mitnetz Strom zeigen die Dimension: Ende 2025 lagen dort 90 Anschlussanfragen von Rechenzentren mit zusammen 16,8 GW vor, verbindlich reserviert waren neun Projekte mit rund 1,4 GW. Das Netzgebiet umfasst Teile von Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, und die Anfragen überschneiden sich; dennoch ist weniger als ein Zehntel der angefragten Leistung reserviert.
Auf Übertragungsnetzebene ist 50Hertz der Torwächter. Der Betreiber will nach eigenen Angaben bis 2029 Netzanschlüsse für neue Rechenzentren mit rund 2.000 MW realisieren und baut das Umspannwerk Thyrow südlich von Berlin für den Genshagener Campus von Vantage auf bis zu 500 MW aus. Die Kehrseite ist der bei Freyenstein vorgeschlagene 720-MW-Campus: Bei 50Hertz liegt kein Antrag vor, fünf andere Projekte stehen in der Warteschlange davor, einen Baubeginn sieht der Netzbetreiber frühestens 2030.
Der Nordosten kommt auf die Karte
Der auffälligste Neuzugang liegt gar nicht in Brandenburg. Am 27. August kündigten die Schwarz-Gruppe und das Land Mecklenburg-Vorpommern ein Rechenzentrum im Gewerbegebiet Dummerstorf bei Rostock an: 240 MW bis 2033, ein geschätztes Investitionsvolumen von bis zu 5,6 Milliarden Euro und ein erklärter Pfad zu 1 GW Anschlussleistung bis 2045. Der Standort kann an das 380-kV-Netz angebunden werden, der Betrieb soll ausschließlich mit erneuerbarem Strom laufen, das Klima erlaubt freie Kühlung, und eine Absichtserklärung mit den Stadtwerken Rostock regelt die Abwärmenutzung.
Vereinfacht gerechnet entspricht der Plan rund 23 Millionen Euro je Megawatt geplanter Leistung. Die Netzarbeiten laufen bereits: 50Hertz bestätigte im November 2025 einen Anschluss für ein großes Rechenzentrum bei Rostock, und die 220-kV-Leitungen zwischen Güstrow, Bentwisch und Gnewitz werden auf 380 kV aufgerüstet, Inbetriebnahme 2026/27. Die Logik ist die, die ein Gastautor von Arcadis im Mai auf Handelsblatt Live beschrieben hat: Ein Netzanschluss in relevanter Größe und genehmigungsfähige Flächen zählen inzwischen mehr als die Nähe zur Metropole.
Hessen steht nicht still
Nichts davon bedeutet, dass Frankfurt am Ende ist. Die GDA beziffert den Frankfurter Markt auf rund 1.274 MW, 29 Prozent der Colocation-Kapazität in der FLAPD-Region, und Hessen hat weiterhin die meisten Projekte in der Pipeline. Die Decke ist aber dokumentiert: Laut ingenieur.de vergibt der Netzbetreiber NRM Netzdienste Rhein-Main neue Kapazität ab 3,5 MW im Pro-rata-Verfahren und rechnet bis Mitte der 2030er-Jahre mit Einschränkungen; JLL nennt für Anschlüsse ab 50 MW im Rhein-Main-Gebiet Wartezeiten von bis zu 13 Jahren. Die Antwort des Landes ist administrativ: Die im März vorgestellte Agenda des hessischen Digitalministeriums verspricht ein landesweites Potenzialflächenkataster, einen Musterbebauungsplan und standardisierte Verträge zu Netzanschluss und Abwärme.
Berlin zeigt, wie eine harte Grenze in Zahlen aussieht. Im Vergabeverfahren 2025 der Stromnetz Berlin konkurrierten 70 Anfragen von Großverbrauchern mit zusammen rund 2.300 MVA um 365 MVA, also etwa 16 Prozent des Angefragten; die Runde 2026 wurde verschoben. Die Zahlen umfassen alle Großverbraucher, nicht nur Rechenzentren, erklären aber, warum ein so großer Teil der Berliner Pipeline physisch in Brandenburg steht.
Die Bundespolitik folgt dem Markt. Das Netzanschlusspaket, am 7. Oktober im Wirtschaftsausschuss des Bundestages angehört, schafft erstmals eine gesetzliche Grundlage für die Priorisierung von Anschlussbegehren; die vier Übertragungsnetzbetreiber erklärten im Ausschuss, dass die Nachfrage das Angebot kurz- und mittelfristig übersteigen wird. Ein Vorschlag im Einkommensteuerreformgesetz 2027 würde die Gewerbesteuer von Rechenzentren nach Anschlussleistung oder Stromverbrauch zerlegen, zugunsten ländlicher Standortgemeinden wie Dummerstorf. Zusammen mit dem Reifegradverfahren, das wir in First Ready, First Served beschrieben haben, belohnen die Regeln jetzt genau das große, reife, ländliche Projekt, das die östliche Pipeline prägt.
Was das für Investoren bedeutet
- Die Wertkarte hat sich verschoben. 70 Prozent des Bestands liegen in Hessen, aber 40 Prozent der Pipeline in Brandenburg, und das nächste Gigawatt wird an der Ostseeküste geplant. Wer weiterhin nur „Frankfurt oder nichts“ kalkuliert, verpasst den Markt, in dem Kapazität tatsächlich entsteht.
- Eine Pipeline-Zahl ist eine Netz-Zahl. 6,4 GW angekündigter Leistung treffen bei einem einzigen ostdeutschen Verteilnetzbetreiber auf 1,4 GW verbindlicher Reservierungen. Die Frage an jeden Standort lautet nicht, wie viele Megawatt angekündigt sind, sondern wie viele vertraglich reserviert sind, und für wann.
- Größe ist im Osten die Eintrittskarte. Das durchschnittliche Brandenburger Projekt liegt bei rund 118 MW, der Rostocker Campus startet mit 240 MW. Kleinere Standorte konkurrieren um dieselben Umspannwerke und rangieren im Reifegradverfahren hinter großen, reifen Projekten.
- Vorvermietung ist zur Bedingung geworden. In der Sommerumfrage von BCS Consultancy stieg der Anteil der Investoren, die vor Baubeginn mindestens 75 Prozent Vorvermietung verlangen, binnen sechs Monaten von 12 auf 42 Prozent; 91 Prozent nannten die Stromverfügbarkeit als wichtigsten Standortfaktor.
- Hessen bleibt der liquide Markt. Frankfurt hat die Mieter, den Knoten und die Preisfindung; die Regionen haben die Megawatt. Portfolios, die beides verbinden, können die Lücke zwischen Cluster-Mieten und Anschlusskosten außerhalb nutzen.
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Fazit
Deutschlands Rechenzentrumskarte wird von Umspannwerken neu gezeichnet, nicht von der Nachfrage. Der Bestand bleibt auf Jahre hessisch, das Wachstum wird aber dort geplant, wo 380-kV-Leitungen, Windstrom und genehmigte Flächen zusammentreffen: in Brandenburg, in der Lausitz und jetzt an der Ostsee. Für Investoren rückt die Netzprüfung damit vom technischen Anhang in den Kern des Investment Case. Die Pipeline wird nicht in der Reihenfolge gebaut, in der sie angekündigt wurde, sondern in der Reihenfolge, in der sie angeschlossen wird.
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Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Angaben beruhen auf öffentlich zugänglichen Quellen.
Quellen
- IFA Berlin: Rechenzentren-Analyse in Deutschland: Rund 70 Prozent der erfassten Anschlussleistung entfallen auf Hessen (24. September 2026)
- German Datacenter Association: Datacenter Outlook Germany 2026/27
- Schwarz Gruppe: Mecklenburg-Vorpommern und Unternehmen der Schwarz Gruppe schließen wegweisende Partnerschaft (27. August 2026)
- Entwicklungsstadt: 15 Rechenzentren für Brandenburg: Was der KI-Boom für die Region bedeutet (16. September 2026)
- ingenieur.de: 340 GW bis 2035: KI-Boom trifft in Deutschland auf knappe Stromnetze (8. Oktober 2026)
- Energie & Management: 50 Hertz errichtet Anschluss für Rechenzentrum bei Berlin (Dezember 2025)
- DataCenter-Insider: 720 Megawatt-Großprojekt findet vor Ort keinen Rückhalt (April 2026)
- Deutscher Bundestag: Anhörung zu Vorlagen zum Netzanschlusspaket (7. Oktober 2026)
- BMDS: Zwischenmonitoring Rechenzentrumsstrategie (September 2026)
- Hessisches Ministerium für Digitalisierung und Innovation: Hessens Rechenzentren sichern Europas wirtschaftlichen Erfolg (März 2026)
- JLL: Die neue Geografie des Rechenzentrumsmarktes in Deutschland (April 2026)
- Handelsblatt Live / Arcadis: Deutschlands Datacenter-Landkarte: Cluster, Kapazitäten und neue Wachstumsregionen (Mai 2026)
- it-daily / BCS Consultancy: Rechenzentren in Deutschland: Wer keinen Strom hat, baut nicht mehr (August 2026)
- Nordkurier: Stromversorger treiben in MV den Netzausbau voran (November 2025)