Polen galt bei Rechenzentrumsinvestoren als die günstigere Alternative zu Deutschland. Im September kostete der Grundlastkontrakt für 2027 an der polnischen Strombörse im Schnitt 556 Złoty je Megawattstunde, zwölf Prozent mehr als im Vormonat. Die Stromkosten für Rechenzentren gehören damit in die Kalkulation und nicht mehr in die Fußnote.
Zwölf Prozent in einem Monat
An der polnischen Strombörse TGE wurde der Grundlastkontrakt für das Lieferjahr 2027 (BASE_Y-27) im September zu einem mengengewichteten Durchschnitt von 555,77 Złoty je Megawattstunde gehandelt. Das waren 60,25 Złoty mehr als im August, wie WNP aus den Monatsdaten der Börse berichtet. Der Day-Ahead-Markt lag im Mittel bei 666,68 Złoty und damit 83,02 Złoty über dem Vormonat. Zum Referenzkurs der polnischen Nationalbank von 4,3775 Złoty je Euro vom 9. Oktober entspricht der Jahreskontrakt rund 127 Euro.
Der Anstieg kam nicht aus heiterem Himmel. Nach Angaben von Kamil Krasowski von Enea Trading, den WNP zitiert, kostete derselbe Kontrakt im Mai durchschnittlich etwa 438 Złoty und im August mehr als 495 Złoty, am 14. September waren es fast 586 Złoty. Händler verweisen auf den anhaltenden Konflikt im Nahen Osten, der die Gaspreise treibt, und auf CO2-Zertifikate, die 5 bis 10 Prozent über dem Vorjahresniveau notieren.
Für eine Last, die rund um die Uhr läuft, ist die Rechnung einfach. 100 MW Dauerbezug bedeuten 876.000 MWh im Jahr. Allein der Septemberanstieg verteuert eine nicht abgesicherte Jahresstromrechnung um rund 53 Millionen Złoty, also etwa 12 Millionen Euro.
Das Versprechen und die Rechnung
Noch im November 2025 argumentierte JLL, Polen biete im Vergleich zu Ländern wie Deutschland, in denen die Energiepreise höher seien, wettbewerbsfähige Bedingungen. Das Beratungshaus zählte damals rund 100 Rechenzentren mit zusammen 213 MW sowie weitere 296 MW im Bau und erwartete 500 MW bis 2030.
Investoren hören inzwischen anderes. In der Rzeczpospolita nannte Jacek Giziński von DLA Piper Ende September drei Argumente, derentwegen Polen nicht auf den Listen der Prioritätsmärkte landet: relativ hohe Strompreise, Probleme beim Ausgleich des Netzes und ein hoher Anteil emissionsintensiver Erzeugung. Energetyka24 beziffert unter Berufung auf Eurostat den durchschnittlichen Netto-Strompreis für die Industrie im zweiten Halbjahr 2025 auf etwa 170 Euro je MWh in Polen gegenüber etwa 130 Euro in Deutschland.
Das Bild hängt davon ab, wo man misst. Bei mittelgroßen Gewerbekunden (500 bis 2.000 MWh im Jahr) führt Eurostat Deutschland mit 22,64 Euro je 100 kWh als drittteuerstes Land der EU, der EU-Durchschnitt liegt bei 18,37 Euro. Am Terminmarkt liegen beide Länder dicht beieinander: Die ZfK meldete den deutschen Grundlastkontrakt für 2027 am 15. Juli bei 104,50 Euro, dem höchsten Stand seit fast drei Jahren, der Versorger Schnellstrom nennt für den 1. September 119,90 Euro. Der Großhandelspreis ist also nicht mehr der Punkt, an dem Polen günstiger ist. Entscheidend ist, was obendrauf kommt.
Was auf den Energiepreis obendrauf kommt
Der größte regulierte Posten ist die Kapazitätsabgabe (opłata mocowa), mit der Polen seinen Kapazitätsmarkt finanziert. Die Regulierungsbehörde URE hat sie für 2026 auf 0,2194 Złoty je kWh festgesetzt, also 219,40 Złoty je MWh, nach 141,20 Złoty im Jahr 2025. Das ist ein Plus von 55 Prozent. Erhoben wird sie auf den Strombezug an Werktagen zwischen 7:00 und 21:59 Uhr.
Hier haben Rechenzentren einen strukturellen Vorteil. Für Abnehmer mit dem gleichmäßigsten Lastprofil, bei denen sich der Verbrauch innerhalb und außerhalb dieses Zeitfensters um weniger als 5 Prozent unterscheidet, gilt ein Koeffizient von 0,17. Das ergibt rund 37 Złoty je MWh. Bei 100 MW Bandlast und etwa 250 Werktagen ist das der Unterschied zwischen rund 14 Millionen und mehr als 80 Millionen Złoty im Jahr. Wer einen Campus langsam hochfährt, Testlasten fährt oder mit Batteriespeichern Verbrauch verschiebt, sollte prüfen, in welche Kategorie er tatsächlich fällt.
Der zweite Posten ist das Profil. Im September kostete die Megawattstunde am Intraday-Markt in der Stunde ab 20 Uhr im Schnitt 1.344 Złoty, in der Stunde ab 13 Uhr 257 Złoty, berichtet Gramwzielone. Das ist mehr als das Fünffache. Eine konstante Last kauft jede Stunde, auch die teuren am Abend.
PPAs und die Kurve nach 2027
Betreiber reagieren mit langfristigen Verträgen. Die Data4-Gruppe hat laut Rzeczpospolita in zwei Jahren fünf PPAs mit europäischen Partnern geschlossen. Einer davon ist ein Zehnjahresvertrag mit TotalEnergies über 610 GWh aus 30 MW neuen Wind- und Solaranlagen in Spanien, geliefert als Produkt mit konstantem Profil. Ob ein solcher Vertrag den polnischen Preis absichert oder vor allem Herkunftsnachweise liefert, hängt von seiner Struktur ab. Ein von Gramwzielone ausgewerteter Bericht von LevelTen Energy kam zu dem Ergebnis, dass die Preise in polnischen Corporate PPAs im Schnitt über denen in Deutschland und Schweden liegen, und sah Rechenzentren künftig unter den größten Abnehmern.
Die Nachfrage macht es nicht leichter. Polens Rechenzentren verbrauchen heute 1,7 bis 1,8 TWh im Jahr, etwa 1 Prozent des Landesverbrauchs. Der Übertragungsnetzbetreiber PSE rechnet für 2036 mit 17,4 TWh, also rund dem Zehnfachen, und hat Anschlussbedingungen für mehr als 6 GW erteilt, wie wir in unserer Analyse zu Polens Netz-Warteschlange beschrieben haben.
Es gibt ein Gegengewicht. Anna Szczodra von KPMG Law weist bei WNP darauf hin, dass die Kontrakte für 2028 bis 2030 unter dem für 2027 notieren, und führt das auf den Markteintritt der Offshore-Windkraft zurück. Baltic Power, das Gemeinschaftsunternehmen von Orlen und Northland Power mit bis zu 1,2 GW, hat im Juli den ersten Strom ins Netz geliefert. Der Markt preist 2027 als Spitze ein und nicht als neues Plateau.
Was das für Investoren bedeutet
- Die Stromrechnung kalkulieren, nicht die Schlagzeile. Energiepreis, Kapazitätsabgabe, Netzentgelte und Ausgleichsenergie gehören stundenscharf und für den tatsächlichen Hochlauf ins Modell, nicht als Landesdurchschnitt.
- Die Weitergabe prüfen. Wo Stromkosten an Mieter durchgereicht werden, ist die Marge des Betreibers geschützt, doch die Gesamtkosten des Mieters entscheiden über die Standortwahl. Wo nicht, liegt das Preisrisiko im Nettobetriebsergebnis.
- Über das Frontjahr hinaus absichern. Wenn 2028 bis 2030 unter 2027 notieren, werden Zeitpunkt und Laufzeit von Absicherungen und PPAs zum Werttreiber. Ein solarlastiger PPA lässt die Abendstunden offen.
- Das flache Profil schützen. Der Koeffizient von 0,17 bei der Kapazitätsabgabe ist je 100 MW einen zweistelligen Millionenbetrag in Złoty pro Jahr wert. Bauphasen, Speicher und Eigenerzeugung sollten mit Blick auf die Kategoriegrenzen geplant werden.
- Der Standort beginnt weiterhin am Netz. PSE plant bis 2036 rund 5.000 km neue 400-kV-Leitungen für etwa 66 Milliarden Złoty, rund zwei Drittel des Programms hängen mit der Verlagerung von Investitionen in den Norden des Landes zusammen. Das stärkt Standorte jenseits von Warschau, dessen Netzlimit wir bereits beschrieben haben.
Genau an dieser Schnittstelle von Immobilie, Technik und Energie arbeitet Prime East mit dem spezialisierten Geschäftsbereich PE Property Solutions: Standort- und Netzanschlussprüfung, technische Due Diligence, Strukturierung von Betreiber- und Mietmodellen sowie Transaktionsbegleitung in Deutschland und Polen.
Fazit
Polen bleibt ein Wachstumsmarkt, aber nicht mehr über den Strompreis. Der Preissprung für 2027 zeigt, wie stark die Rendite eines Rechenzentrums an Beschaffung, Lastprofil und Abgaben hängt. Wer diese drei Größen früh strukturiert, kann den Nachteil begrenzen und den Vorteil der gleichmäßigen Last nutzen. Wer mit dem Landesdurchschnitt rechnet, kauft ein Risiko, das im Exposé nicht steht.
Sprechen Sie mit uns
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Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Alle Angaben beruhen auf öffentlich zugänglichen Quellen.
Quellen
- WNP: Strom- und Gaspreise für das kommende Jahr deutlich gestiegen (TGE-Daten für September 2026)
- Gramwzielone: Strompreise an der polnischen Strombörse gestiegen
- WNP: Strom verteuert sich schnell, das schlägt 2027 auf die Rechnungen durch
- URE: Information Nr. 58/2025 zu den Sätzen der Kapazitätsabgabe für 2026
- Gramwzielone: Die Kapazitätsabgabe kehrt auf die Rechnungen zurück, der Satz für 2025
- Rzeczpospolita: Nicht nur Strom und Grundstücke, was den Rechenzentrumsboom in Polen bremsen kann
- Energetyka24: Polen mit dem teuersten Industriestrom in Europa
- Eurostat: Strompreise für Nichthaushaltskunden im zweiten Halbjahr 2025
- JLL: Heißer Markt in kühlem Klima
- ZfK: Frontjahr-Kontrakt nähert sich dem Dreijahres-Hoch
- Schnellstrom: Strompreis 2027, warum Unternehmen jetzt auf den Terminmarkt schauen sollten
- Gramwzielone: Echte Interessenten für Rechenzentren in Polen gibt es ein gutes Dutzend, nicht Hunderte
- WNP: Rechenzentren werden mit erneuerbarer Energie versorgt, Zehnjahresvertrag unterzeichnet
- Gramwzielone: Preise in polnischen Corporate PPAs (Bericht von LevelTen Energy)
- Energy Global: Offshore-Windpark Baltic Power liefert ersten Strom ins polnische Netz
- PSE: Entwurf des Entwicklungsplans für das Übertragungsnetz 2027 bis 2036
- NBP: Euro-Mittelkurse, Tabelle A